Ein Braille-Smartphone?

Nachdem Berichte über ein tolles neues tastbares Smartphone-Konzept die Runde machen, dass angeblich schon heuer auf den Markt kommen soll, kann ich es mir nicht nehmen lassen, ein paar Überlegungen dazu anzustellen:

Grundsätzlich ist die Idee sehr zu begrüßen. So toll die Bedienung eines iPhone für viele blinde Personen in vielen Situationen auch funktionieren mag, so ist die Ausgabe des Geräts für diese Personen auf den auditiven Kanal, also Ton, beschränkt. In vielen Situationen hat sich das „Vorlesen“ lassen als die deutlich schnellere Variante der Informationsvermittlung durchgesetzt. Mit schnell eingestellter Sprachausgabe kommt man in der Regel beim Lesen in Braille nicht mit. Ein weiterer Vorteil der Audio Ausgabe ist, dass man die Hände für die Interaktion frei hat. Es ist schwierig gleichzeitig einen Text einzugeben, und das Ergebnis auf einer Braillzeile zu ertasten. Man muss immer die Hand von der Tastatur nehmen. Beim „Vorlesen“ ist dies nicht nötig.

Es gibt jedoch auch oft Situationen, in denen man sich eine etwas „dezentere“ Interaktions-Methode mit einem technischen Gerät wünscht, wenn man durch Sprache nicht abgelenkt sein möchte, oder nicht will, dass jemand die Informationen mithören kann. Auch eine blinde Person möchte sich für ihren Vortrag Notizen machen, um nicht den Faden zu verlieren. Sich die „Schummel-Zettel“ vorlesen zu lassen, hat sich immer als etwas schwierig erwiesen, auch wenn man einen Kopfhörer-Ohrstöpsel im Ohr hatte. Das gleichzeitige Lesen mit den Fingern, während man spricht, hat sich oft als weitaus zweckdienlicher erwiesen.

Ein Braille-Fähiges Smartphone, dass auf taktiler Informationsvermittlung beruht wäre somit eine begrüßenswerte Idee, wenn sie umgesetzt wird und funktioniert. Das auf dem oberen Video gezeigte „Konzept“ schaut leider noch sehr nach einer Computeranimation aus, auch wenn sie hübsch modelliert wurde. Ich stelle mir die Frage, wie groß das Gerät im Endeffekt werden wird, da Braille-Buchstaben sehr viel Platz brauchen, und bei einem Smartphone daher nur wenige Zeichen Platz hätten. Bei einem 4 bis 5 Zoll Gerät würden sich höchstens zwei Zeilen Braille mit 6 bis 10 Zeichen je Zeile ausgehen, und dann wäre kein Platz mehr für die statischen Tasten am Rand.

Die im oberen Video gezeigte Animation, bei der sich eine Schwarzschrift-Zeitung wunderschön in der selben Spaltendarstellung auf einem Braille-Display darstellt, sieht so zwar gut aus, lässt sich in der Praxis jedoch nur mit einem größeren Braille-Display realisieren.

Der Anwendungsfall, bei dem man mit dem Gerät über eine gedruckte Tabelle fährt, und am Display die über die Kamera aufgenommenen Zeichen direkt in Braille angezeigt wird ist wie gezeigt auch wenig praktikabel. Das sieht zwar im Video nett aus, nur sind die Buchstaben der DIN A4 Seite so groß gedruckt, wie man dies in der Praxis quasi nie vorfindet. In der Realität lässt sich kein 1:1 Verhältnis von Braille zu Schwarzschrift von den Abmessungen her erzeugen. In etwas abgeänderter Form gibt es dies bereits für aktuelle „normale“ Smartphones. Weitaus handlicher ist es, das gesamte Blatt mit einem Mal abzufotografieren, und dieses dann mittels OCR Erkennung in Text zu transformieren. Dieser Text kann dann als ganzes auf einmal gelesen werden. Derartige Apps existieren für IOS, Android und Co. bereits seit längerem.

Ein weiteres Problem sehe ich in dem Umstand, dass man anscheinend ein komplett neues System implementieren möchte, auf dem das Gerät läuft. Die Beweggründe sind mir zwar bewusst: Man möchte sich auf die wesentlichen Funktionen konzentrieren, nach dem Motto: „Keep it as simple as possible“. Somit ist es weitaus leichter, ein für das Zielpublikum gebrauchstaugliches Nutzerinterface zu kreieren. Diese Vorgehensweise ist grundsätzlich zu begrüßen. Leider verzichtet man damit jedoch auf die Möglichkeit der Kompatibilität zu vorhandenen Ökosystemen.

Ich hätte eher eine Plattform wie android genommen, und darauf aufbauend meine eigne Benutzerschnittstelle implementiert. Auf diese Weise könnten grundsätzlich alle Apps genutzt werden, die für Android zur Verfügung stehen, vorausgesetzt sie benutzen die in Android vorgesehene Accessibility API. Zudem hätte man auf diese Weise bereits die immer besser werdende Screen Reader Funktion Talkback von Haus aus an Board gehabt.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass ich auf das Gerät schon sehr gespannt bin. Ich lasse mich in meiner Skepsis gerne eines besseren belehren. Auch Apple hat bei der Entwicklung des iPhones mit VoiceOver interessante neue Interaktionskonzepte für blinde und sehbehinderte Menschen eingeführt, die wir heute schon als selbstverständlich hinnehmen.

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