Windows 8 im Schatten der Barrierefreiheit

Anfang diesen Jahres habe ich Microsoft zu einem Schlichtungsgespräch in Sachen Windows-Barrierefreiheit eingeladen. Hintergrund war der Umstand, dass es von Windows 7 zwar eine deutsche Version mit deutscher Sprachausgabe gibt, jedoch keine deutsche Stimme mitgeliefert wird. Man konnte sich deutschen Text nur mit englischem Akzent anhören. Abgesehen davon kann die Sprachausgabe in allen bisherigen Windows Versionen nur als Witz bezeichnet werden. Praktisch ist diese für Menschen mit Sehbehinderungen nicht gebrauchstauglich nutzbar.

Ich wurde seinerzeit von Microsoft auf Windows 8 vertröstet. Viel Energie sei in dessen Accessibility-Funktionen geflossen, insbesondere in die Bedienung per Touch. Nun gut, seit ein paar Wochen habe ich nun die OEM-Final von Windows 8 auf meinen Rechnern installiert. Um es gleich vorweg zu sagen, auch wenn sich das eine oder andere getan hat, der grosse Aha-Effekt ist noch ausgeblieben. Was ich hier berichte ist jedoch nur ein erster Augenschein, nicht alle Funktionen wurden noch ergründet, und das eine oder andere mag ja noch irgendwo versteck sein.

Das Positive zuerst. Der Narrator, die Sprachausgabe ist deutlich mächtiger geworden. Auch eine „lies den Text unter der Maus“-Funktion ist nun mit von der Partie. Wird Text in einer Anwendung gelesen, so wird der aktuell gelesene Abschnitt, wie unter Zoom-Text optisch zusätzlich hervorgehoben. Eine Vielzahl an Tastenkombinationen sorgt für eine flotte Bedienung. Die Standard-Tastenkombinationen, die alle eine Kombination mit der Feststelltaste bilden (abgeschaut von Jaws), sind nicht immer leicht zu drücken (z.B. Feststell+ESC zum Beenden der Sprachausgabe).

Eine der für mich wichtigsten Funktionen konnte ich bisher leider nicht finden, den Wechsel zwischen verschiedenen Stimmen, insbesondere verschiedenen Sprachen mit einer einfachen Tastenkombination. Unter IOS funktioniert dies, wenn richtig konfiguriert, sehr einfach, indem man bei aktiviertem VoiceOver mit dem Finger nach unten streicht. Es ist zwar auch möglich unter Windows 8 eine andere Stimme einzustellen, dazu muss jedoch erst in die Einstellungen des Narrators gegangen werden.

Nicht ganz logisch ist für mich, dass ich zwar mit Windowstaste+Enter die Sprachausgabe aktiviere, diese aber mit der umständlichen Kombination Feststelltaste+ESC wieder beende – und dann auch noch jedesmal ein Dialog kommt, der mich fragt, ob ich die Sprachausgabe wirklich beenden möchte. Dieses Verhalten sollte zumindest konfigurierbar sein. Eine Kombination für ein- und ausschalten ohne Abfrage reicht völlig.

Schade ist auch, dass der Narrator nur im Internet Explorer zum lesen von Webseiten wirklich funktioniert. Weder Chrome noch Firefox lassen sich zur Ausgabe von Sprache überreden. Vermutlich wird hier die neue Accessibility-API noch nicht unterstützt.

Wirklich lustig dürfte die Bedienung des neuen Narrators aber erst mit einem Multi-Touch Screen werden. Wie unter IOS gibt es nämlich auch unter Windows 8 eigene Gesten mit verschiedener Finger-Anzahl um den Narrator zu bedienen. Mein altes Thinkpad X61t verfügt leider nur über eine Touch-Eingabe mit einem Finger, weshalb ich diese Funktionen noch nicht testen kann.

Etwas irritiert war ich durch folgenden Hinweis im Hilfetext des Narrators. Dieser Deckt sich jedoch mit den Aussagen von Microsoft am Anfang des Jahres:

„Von der Sprachausgabe werden grundlegende Funktionen zum Vorlesen von Bildschirmtexten bereitgestellt, die Ihnen die Verwendung von Windows ermöglichen, wenn Sie nicht über ein Bildschirmleseprogramm mit umfassenderen Funktionen verfügen. Die Sprachausgabe ist nicht dafür vorgesehen, den Inhalt aller Apps zu lesen. Weitere Informationen zu Bildschirmsprachausgaben und anderen Hilfstechnologien finden Sie auf der Microsoft-Website für Barrierefreiheit.“

Wenn ich die bisher ergründeten Accessibility-Features von Windows 8 mit jenen von IOS und MacOS bzw. Android 4 vergleiche, so liegen diese meiner Meinung nach im guten Mittelfeld, etwas vor denen von Android, aber doch noch einiges hinter IOS und MacOS. Immerhin wird mittlerweile eine ganz brauchbare deutsche Stimme mit Windows 8 ausgeliefert. Und vielleicht überrascht uns Microsoft ja noch vor dem Veröffentlichungstermin am 26. Oktober.

Ergänzung (11.10.2012):

Musste gerade feststellen, dass der Narrator mit Word 2010 nicht gut zusammenarbeitet. Microsoft hat es anscheinend nicht für nötig befunden, auch andere von Ihnen angebotene, Software für die neuen Accessibility Anforderungen fit zu machen. Gestern gab es zwar einige Office Updates, der Narrator sagt mir jedoch nach wie vor „nicht im durchsuchbaren Text“ wenn ich mir Text in Word vorlesen lassen möchte. Sehr schade.

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