Gebärdensprachdolmetsch per Internet

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Im Gemeindeamt St. Andrä fand heute im Rahmen eines EU Projektes zur Verbesserung der Barrierefreiheit in Tourismusbetrieben eine Präsentation der Firma VerbaVoice statt. VerbaVoice bietet eine Online-Plattform zur Bereitstellung von Gebärdensprach- und Schriftdolmetsch.

Viele öffentliche Einrichtungen, Institutionen und Betriebe sind noch nicht darauf vorbereitet, wenn schwerhörige oder gehörlose Personen ihre Services nutzen möchten, oder sie nur eine Beratung von ihnen brauchen. Grund dafür ist meist eine schwer überwindbare Kommunikationshürde.

Die Anzahl der Menschen in Österreich, die der Gebärdensprache mächtig sind ist verschwindend klein. Wer nicht selbst gehörlos ist, oder in der näheren Verwandschaft gehörlose Angehörige hat, spricht in der Regel keine ÖGS. Die Kommunikation im Amt, oder an der Hotelrezeption, gestaltet sich für Gehörlose Personen in der Regel dementsprechend schwierig.

In Umgebungen mit schlechter Akustik, oder wenn keine Induktionsanlage vorhanden ist, hat sich für schwerhörige Personen die Idee des Schriftdolmetsch als sehr brauchbare Kommunikationsmethode herausgestellt. Ein Dolmetscher bzw. eine Dolmetscherin schreibt in Echtzeit das Gesprochene mit, und die schwerhörige Person kann sozusagen 1:1 mitlesen. Diese Methode hat sich vor allem bei Veranstaltungen, im Hörsaal oder in Schulklassen bewährt. Für gehörlose Personen ist diese Kommunikationsmethode eher kontraproduktiv, da für sie die Gebärdensprache meist die Muttersprache ist, und das Lesen von Deutschen Texten sich eher als schwierig gestaltet.

Am besten wäre es, einen eigenen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin immer vor Ort dabei zu haben, was jedoch für gewöhnlich schwer zu finanzieren sein wird. Die Idee von VerbaVoice: Anstatt mir vor Ort eine dolmetschende Person mitzunehmen, schalte ich mir den Dolmetch per Internet dazu. Über eine Online-Plattform wird Dolmetch per Videokonferenz bzw. Chat-Funktion angeboten. Alles was minimal an technischer Ausrüstung gebraucht wird sind ein Laptop oder ein Mobiles Endgerät dass über eine Kamera und ein Mikrofon verfügt. Neben dem Web-Frontend gibt es auch Clients für IOS und Android.

Der Vorteil für Dolmetscherinnen und Dolmetscher liegt darin, dass sie oft besser ausgelastet sein können. Anstelle langer Anfahrtszeiten, die sie nicht zum vollen Dolmetsch-Tarif verrechnen können, können sie ihre Arbeitszeit besser mit tatsächlicher Dolmetsch-Tätigkeit nutzen.

Der Vorteil für gehörlose und schwerhörige Kundinnen und Kunden liegt darin, dass sie lange Anfahrtszeiten von Dolmetcherinnen und Dolmetschern nicht einrechnen müssen.

Die VerbaVoice Plattform ist technisch jetzt nichts von Grund auf Neues. Funktionen wie Videokonferenz oder text-basierte Kommunikation (Chat) werden von gängigen sozialen Netzen wie Skype oder Facebook auch schon abgedeckt. Seine Stärke sieht VerbaVoice im angebotenen Gesamtkonzept. Die Plattform selbst ist nur ein Teil. VerbaVoice bietet darüber hinaus die Planung und Koordination, sowie die Verrechnung von Dolmetcherinnen und Dolmetchern, und engagiert sich in der Ausbildung dieser. Ich kann über die Plattform beantragen, wann ich Dolmetsch in welcher Form benötige, und VerbaVoice übernimmt den Rest.

Aber wie wird das ganze finanziert? Behörden und Instittionen mieten sich bei VerbaVoice einen virtuellen Kommunikationsraum zum preis von 94 € pro Monat. Diesen Raum können sie Kundinnen und Kunden zur Verfügung stellen, um mit ihnen zu kommunizieren. Wird Dolmetsch genutzt, so wird dieser der jeweiligen Institution entsprechend den örtlich üblichen Dolmetschsätzen verrechnet.

Als Beispiel wurde bei der Präsentation die Situation eines Arzt-Besuches herangezogen, bei dem Arzt und Patient über Dolmetsch miteinander kommunizieren. Diese Situation ist schon dann schwierig, wenn eine dolmetschende Person vor Ort dabei ist, zu der der Patient oder die Patientin ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Wenn dann die Kommunikation über eine Internet-Verbindung läuft und die Übersetzung auch noch von einer fremden Person übernommen wird, ist es schwierig auf das Arzt-Patienten-Geheimnis zu vertauen. Der optimale Fall wäre natürlich, wenn der Arzt bzw. die Ärztin selbst z.B. gebärdensprache-kompetent wäre.

Das derzeit angebotene Konzept funktioniert nur für Behörden und Institutionen als Kostenträger. Für den Privatbereich ist das Konzept der 94€ Raum-Miete eher schwer durchzusetzen.

Konklusion:

Gehörlose Menschen in Österreich nutzen iPhone und Co. bereits seit einiger Zeit, um mit Bekannten per Gebärdensprache zu kommunizieren, oder hörende gebärdensprachkompetente Personen für den Dolmetsch zu nutzen.

Wirklich interessant wind der Ansatz erst dann, wenn ein 24 Stunden Dolmetsch-Service angeboten werden kann. Gehörlose oder schwerhörige Menschen haben dann jederzeit Zugriff auf das Instrument der Kommunikation. Meist ist nicht vorauszuplanen, wann man Dolmetsch benötigt – z.B. an einer Türklingel oder in einer Notsituation. Meiner Meinung nach sollte ein derartiges Projekt von der öffentlichen Hand finanziert, und von einer Institution wie  dem Gehörlosenbund getragen werden. Es wäre doch zumindest einen Versuch wert.

Kommunikation muss als Grundrecht gesehen werden, und daher 24 Stunden am Tag für alle Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen.

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